Das war es nun also, das große präsidiale Interview, das mit allen Fragen aufräumt und die Welt wieder gerade rückt. Moment – echt jetzt? Das war’s?
Das selbstmitleidig dreinblickende, etwas zusammengesunkene Häuflein Elend, das den Hauptstadtchefs der beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gegenübersitzt, soll unser Bundespräsident sein? Das verspricht ja heiter zu werden.
Aber heiter wird es nicht. Eher abgrundtief traurig – dieser ganze 25 Minuten währende, demütige Grabenkampf soll alle Fragen beantwortet und alle Zweifel an der Integrität ausgeräumt haben? Nein, Herr Wulff, bei allem Respekt vorm Amt, und aller gebotenen Rücksicht: das reicht nicht. Sich selbst als “Opfer” der ach so bösen Medien zu inszenieren, väterliche Beschützerinstinkte als Entschuldigung anzuführen, das reicht für eine eigene Talkshow auf Pro7. Aber von einem Bundespräsidenten hätte ich mehr erwartet; von einem Bundespräsidenten muss ich auch mehr erwarten, sonst könnte ich den Job ab morgen übernehmen.
Nicht, dass die Interviewer sich besonders mit Ruhm bekleckert hätten; zu behaupten, Freunden der Familie eine Übernachtung im Gästezimmer mit 150 Euro in Rechnung zu stellen, war eine – aus der Situation gewachsene, aber dennoch – Dummheit. Das nimmt Ihnen niemand ab, Frau Schausten; und es lässt Herrn Wulff schon wieder fast sympathisch erscheinen, will man ihm doch an dieser Stelle sein Leiden unter den Medien tatsächlich abnehmen.
Nicht abnehmen dafür will man ihm, oder besser: darf man ihm! einige andere Aussagen. Er habe nur darum gebeten, die Berichterstattung einen Tag lang zu verschieben, heißt es da in Bezug auf den peinlichen Mailboxauftritt bei Herrn Diekmann von der Bild. Das hört sich nach einer faulen Ausrede an. Und das ist es auch, wie die FAZ online präzise nachhält: zur Kriegserklärung (“gebeten”?!) auf der Diekmannschen Mailbox kommt es erst am 12. Dezember, einen Tag nachdem der Springer Verlag die Story bereits auf Bitte des Bundespräsidenten einen Tag nach hinten verschoben hat. [Update 5.1.2012: auch Bild-Vize Blome widerspricht der Darstellung Wulffs] Und auch der Einschüchterungsversuch eines Zeit-Journalisten im letzten Jahr, der ins Schloss Bellevue zitiert wurde um sich eine dem Vernehmen nach ganz und gar unpräsidiale Standpauke abzuholen, wird in der Wahrnehmung Wulffs zu einem netten, entspannten Gespräch. Wäre er nicht Bundespräsident, man würde Herrn Wulff akuten Realitätsverlust, gepaart mit latenten Gottkomplexen, unterstellen.
Und so senkt sich denn auch im Nachklang des Interviews der mediale Daumen über unserem Bundespräsidenten. Neben dem Kommentar auf FAZ.net fällt die Bewertung des Spiegel ernüchternd aus – der Titel spricht für sich (“Das war nichts”). Auch N24 befindet erwartungsgemäß negativ: “Zum Fremdschämen”. Besonders schmerzen dürfte in Bellevue aber, dass auch in den öffentlich-rechtlichen das Echo negativ ist; hielten sich die Großen, Deppendorf und Schausten, die das Interview selber führten, vor Veröffentlichung der vollständigen Aufzeichnung in ihren Bewertungen noch vornehm zurück, so ist der Tagesschau.de-Kommentar doch fast ebenso vernichtend wie der der privaten Kollegen: Wulff ist nicht mehr als Präsident geeignet, heißt es da schon in der Titelzeile.
Nein, geeignet ist er nach dieser Achterbahnfahrt definitiv nicht mehr. Aber Hand auf’s Herz: War er das jemals? Oder ist vor gut einem Jahr ein treuer Parteijünger aus machtpolitischen Gründen völlig unvermittelt vom Ministerpräsidenten zum Präsidenten befördert worden?
Genau diese Politik des unbedingten Machterhalts könnte es sein, die unseren Herrn Präsidenten Wulff über die Affäre rettet – denn weder hat die Union momentan eine passable Alternative zu bieten, noch kann sie sich sicher sein, ihren Kandidaten durch die Bundesversammlung zu bekommen. Da lebt man doch lieber mit einem – inzwischen zur Flugunfähigkeit gerupften – Spatzen in der Hand, als auf die Taube auf dem Dach zu setzen. Denn die gehört nicht der richtigen Partei an.
Das ist schade, ja geradezu peinlich für eine Demokratie. Aber politische Realität.